Frankfurt am Main gilt als einer der wirtschaftsstärksten Standorte Europas. Banken, Beratungshäuser, Logistikfirmen, Handwerksbetriebe: Die Stadt zieht Unternehmen jeder Größe an. Doch hinter der Kulisse des Booms steckt ein Problem, über das kaum jemand gerne spricht: Forderungsausfälle. Rechnungen, die schlicht nicht bezahlt werden. Und das betrifft keineswegs nur kleine Betriebe ohne professionelles Mahnwesen.
Was Zahlen aus der Region zeigen
Laut Daten des Statistischen Bundesamts meldeten in den vergangenen Jahren deutschlandweit rund 17.000 bis 20.000 Unternehmen jährlich Insolvenz an. Hessen gehört dabei zu den Bundesländern mit überdurchschnittlich hoher Unternehmensdichte, was im Umkehrschluss auch die Zahl der Gläubiger in Insolvenzverfahren erhöht. Für Frankfurt bedeutet das: Wer als Zulieferer, Dienstleister oder Vermieter mit mehreren Geschäftspartnern gleichzeitig arbeitet, trägt ein strukturelles Ausfallrisiko.
Besonders betroffen sind Branchen mit langen Zahlungszielen, also Bau, IT-Dienstleistungen und der Großhandel. Ein Frankfurter Sanitärbetrieb mit zwölf Mitarbeitern etwa berichtete in einer Branchenrunde der Handwerkskammer, dass er 2023 rund 34.000 Euro an offenen Forderungen abschreiben musste. Kein Einzelfall.
Wie Forderungen rechtlich einzuordnen sind
Grundlage jeder Forderung ist zunächst der Vertrag, mündlich oder schriftlich, und die daraus entstehende Zahlungspflicht. Das Bürgerliche Gesetzbuch regelt in den Paragrafen 286 bis 288, ab wann ein Schuldner in Verzug gerät und welche Verzugszinsen fällig werden. Bei Geschäften zwischen Unternehmen liegt der gesetzliche Verzugszinssatz bei neun Prozentpunkten über dem Basiszinssatz der Europäischen Zentralbank. In der Praxis fehlt vielen Betrieben aber schlicht die Zeit, sich durch Paragrafenwerk zu arbeiten, während gleichzeitig das Tagesgeschäft läuft.
Hinzu kommt: Viele Gläubiger scheuen den Konflikt. Man kennt sich, man will künftige Aufträge nicht gefährden, man hofft auf freiwillige Zahlung. Dieses Zögern kostet bares Geld, denn je länger eine Forderung offen bleibt, desto geringer wird die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sie noch vollständig beglichen wird.
Prävention: Was vor dem Ausfall schützt
Erfahrene Unternehmer in der Rhein-Main-Region setzen zunehmend auf strukturierte Präventionsmaßnahmen, bevor überhaupt eine Rechnung gestellt wird. Dazu gehören:
- Bonitätsprüfungen neuer Geschäftspartner vor Vertragsabschluss, zum Beispiel über Auskunfteien wie Schufa oder Creditreform
- Klare Zahlungsziele im Vertrag, nie länger als 30 Tage ohne besonderen Grund
- Anzahlungen bei größeren Projekten, mindestens 30 Prozent des Auftragsvolumens
- Automatisierte Mahnläufe ab dem ersten Tag nach Fälligkeit, ohne persönliches Zutun
- Warenkreditversicherungen für Betriebe mit hohem Außenstandsvolumen
Keiner dieser Punkte ist neu. Aber in der Praxis zeigt sich, dass vor allem Soloselbstständige und Betriebe mit unter zwanzig Mitarbeitern diese Instrumente unvollständig einsetzen. Das Onboarding eines neuen Kunden geht schnell, das Aufsetzen einer Zahlungsvereinbarung dauert länger, und genau das wird dann übersprungen.
Wenn das Mahnwesen intern nicht reicht
Ab einem bestimmten Punkt hilft internes Mahnen nicht mehr weiter. Der Schuldner reagiert nicht, bestreitet die Forderung oder ist schlicht nicht erreichbar. Hier kommt der externe Dienstleister ins Spiel. Ein gut gepflegtes Verzeichnis für Inkassounternehmen kann dabei helfen, einen geeigneten Dienstleister für die jeweilige Branche und Forderungshöhe zu finden, denn die Spezialisierungen unterscheiden sich erheblich.
Inkassounternehmen arbeiten in der Regel auf Erfolgsbasis: Sie erhalten eine Provision auf den tatsächlich eingetriebenen Betrag, oft zwischen 15 und 25 Prozent, abhängig von Forderungsalter und Komplexität. Die Kosten trägt nach deutschem Recht grundsätzlich der Schuldner, sofern dieser sich in Verzug befindet. Für den Gläubiger entsteht also im Idealfall kein direktes Kostenrisiko.
Wichtig ist dabei, seriöse Anbieter zu wählen. Die Branche ist reguliert, aber nicht jeder Dienstleister arbeitet mit gleicher Sorgfalt. Merkmale seriöser Unternehmen: Mitgliedschaft im Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen, transparente Kostenstruktur vorab, keine pauschalen Drohschreiben gegenüber Schuldnern.
Gerichtlicher Mahnbescheid: Wann er sinnvoll ist
Wenn ein Schuldner die Forderung bestreitet oder auf kein Inkassounternehmen reagiert, bleibt der gerichtliche Weg. Der Mahnbescheid über das zuständige Amtsgericht ist ein kostengünstiger erster Schritt, der ohne Klage auskommt. Bei einem Streitwert von 2.000 Euro belaufen sich die Gerichtskosten auf rund 36 Euro. Widerspricht der Schuldner nicht innerhalb von zwei Wochen, wird der Mahnbescheid zum Vollstreckungsbescheid, und damit zur vollstreckbaren Grundlage für Pfändungen.
Für Forderungen bis 5.000 Euro ist das Amtsgericht zuständig, ab diesem Schwellenwert das Landgericht Frankfurt. Wer regelmäßig mit offenen Forderungen zu kämpfen hat, sollte zumindest einmalig einen Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht konsultieren, um sein Mahnwesen rechtssicher aufzustellen.
Frankfurt als Sonderfall: Hohe Mieten, hoher Druck
Ein Aspekt, der Frankfurt von anderen Mittelstädten unterscheidet: Die Betriebskosten sind überdurchschnittlich hoch. Gewerbemieten im Bankenviertel oder in Sachsenhausen liegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Das bedeutet, dass Liquiditätsengpässe durch ausbleibende Zahlungen hier schneller existenzbedrohend werden als anderswo. Ein Handwerksbetrieb, der zwei Monate auf 15.000 Euro wartet, kann seine Monatsmiete für die Werkstatt nicht überbrücken.
Gerade vor diesem Hintergrund lohnt es sich, Forderungsmanagement nicht als lästige Nebensache zu behandeln, sondern als festen Bestandteil der Unternehmensführung. Wer in Frankfurt erfolgreich wirtschaften will, muss nicht nur gute Leistungen erbringen, sondern auch konsequent dafür sorgen, dass diese bezahlt werden.
Petra Hoffmann ist freie Wirtschaftsredakteurin mit Schwerpunkt Rhein-Main. Lukas Berg schreibt für praedium-frankfurt.de über Unternehmensthemen und den Frankfurter Gewerbeimmobilienmarkt.