Klettersteigführerschein Ramsau: Was Anfänger lernen

Wer im Alltag viel über Renditeobjekte und Grundbuchauszüge nachdenkt, braucht gelegentlich einen echten Kontrastwechsel. Für mich war das in diesem Frühjahr ein Wochenende in Ramsau am Dachstein. Nicht zum Wandern, sondern für den Klettersteigführerschein. Was ich dort gelernt habe, hätte ich mir vorher kaum so vorgestellt.

Warum Ramsau, und warum ein Kurs?

Ramsau liegt auf rund 1.000 bis 1.200 Metern Seehöhe in der Steiermark, direkt unterhalb des Dachsteinmassivs. Die Region gilt als eines der dichtesten Klettersteiggebiete Österreichs, mit Routen von der Schwierigkeitsstufe A bis F. Wer glaubt, ein Klettersteig sei schlicht ein steiler Wanderweg mit Stahlseil, liegt falsch. Dieser Irrtum kostet jedes Jahr Menschen das Leben oder führt zu schweren Stürzen.

Der Unterschied zwischen einem kompetenten und einem unvorbereiteten Klettersteiggeher zeigt sich nicht am Mut, sondern an der Technik. Genau das ist der Kern eines strukturierten Kurses. Auf der Website des Deutschen Alpenvereins findet sich eine ernüchternde Statistik: Ein erheblicher Teil der Klettersteig-Unfälle passiert Einsteigern ohne Kursausbildung, und in vielen Fällen liegt die Ursache nicht im Gelände selbst, sondern im falschen Umgang mit dem Klettersteigset.

Der erste Kurstag: Ausrüstung und ihre Tücken

Der Kurs startete morgens um 8:30 Uhr mit einer Ausrüstungskontrolle. Unser Kursleiter Thomas legte jeden mitgebrachten Gurt, jedes Set auf den Tisch und prüfte es einzeln. Von den acht Teilnehmern hatte keiner ein Set dabei, das er vollständig korrekt angelegt hatte. Das ist kein Vorwurf, sondern der Normalfall bei Einsteigern.

Ein Klettersteigset besteht aus einem Y-förmigen Bandfalldämpfer und zwei Karabinern. Der Dämpfer öffnet sich bei einem Sturz kontrolliert und bremst die Fallenergie. Wer die Karabiner falsch einhängt oder das Set verkehrt herum trägt, schaltet diesen Schutz faktisch aus. Thomas zeigte uns das anhand eines einfachen Modellversuchs mit Gewichten: Bei einem Sturz aus zwei Metern ohne funktionierenden Dämpfer wirken kurzzeitig Kräfte von bis zu 12 kN auf den Körper. Der menschliche Körper hält laut einschlägigen Normen etwa 6 kN stand, bevor es zu inneren Verletzungen kommt.

Technik am Seil: Drei-Punkte-Regel und Umhängen

Am Nachmittag des ersten Tages ging es in eine kurze Übungsroute, etwa 80 Höhenmeter, Schwierigkeitsgrad A/B. Die entscheidende Lektion: die Drei-Punkte-Regel. Immer drei von vier Extremitäten haben Kontakt zur Wand, bevor die vierte sich bewegt. Klingt simpel, wird aber unter Belastung, Enge oder bei Erschöpfung konsequent vergessen.

Das Umhängen der Karabiner an Zwischensicherungen kostet die meisten Anfänger die meiste Zeit und Nerven. Es gibt einen Moment, in dem kurz nur ein Karabiner eingehängt ist. Genau dieser Moment muss so kurz wie möglich sein, und der zweite Karabiner muss eingehängt sein, bevor der erste gelöst wird. Wer das falsch macht, ist für einen kurzen Augenblick komplett ungesichert. In einer A-Route kein Drama. In einer D-Route mit 400 Metern Ausgesetzheit eine andere Geschichte.

Was der Klettersteigführerschein wirklich prüft

Am zweiten Tag folgte die eigentliche Prüfung: eine Route im Schwierigkeitsgrad B/C, selbstständig begangen, mit Beobachtung durch den Kursleiter. Bewertet wurden Sicherungsverhalten, Körperhaltung, Tritttechnik und das Verhalten in ausgesetztem Gelände. Kein Zeitlimit, keine Konkurrenz unter den Teilnehmern.

Wer einen Klettersteigführerschein in Ramsau ablegen möchte, findet dort ein gut strukturiertes Kursprogramm, das Theorie und Praxis sinnvoll verbindet. Von den acht Teilnehmern in meiner Gruppe bestanden sechs direkt, zwei mussten einzelne Punkte beim abschließenden Feedbackgespräch nacharbeiten und bekamen die Möglichkeit zu einem kurzen Wiederholungsdurchgang.

Häufige Fehler und was dahintersteckt

Thomas fasste am Ende des zweiten Tages die typischen Anfängerfehler zusammen. Diese Liste deckte sich mit dem, was ich selbst beobachtet hatte:

  • Armkraft statt Beinarbeit: Anfänger ziehen sich mit den Armen hoch, statt die Beine zu nutzen. Die Arme ermüden dadurch nach 20 bis 30 Minuten, die Beine hätten noch Stunden durchgehalten.
  • Körper zu nah an der Wand: Wer sich an die Wand schmiegt, verliert den Überblick auf die Tritte und belastet die Fußballen falsch.
  • Zu schnelles Tempo: Vier von acht Teilnehmern starteten zu schnell und kamen nach 150 Höhenmetern an ihre Erschöpfungsgrenze. Ein gleichmäßiges, langsames Tempo ist effizienter.
  • Vernachlässigtes Trinken: In kühlem Gelände unterschätzen viele den Flüssigkeitsbedarf. Bei körperlicher Anstrengung auf 1.500 Metern Höhe liegt der Bedarf schnell bei 0,5 Litern pro Stunde.

Körperliche Voraussetzungen und Grenzen kennen

Eine Frage, die im Kurs mehrfach auftauchte: Wie fit muss man für einen Klettersteig sein? Thomas antwortete konkret: Wer 600 Höhenmeter Wanderung ohne Pause bewältigt und keine Angst vor Höhe hat, bringt die Grundvoraussetzungen mit. Kondition ist trainierbar, Höhenangst ist ein eigenes Thema.

Das Universitätsklinikum Mainz hat in einer sportmedizinischen Übersicht darauf hingewiesen, dass Höhentauglichkeit und Schwindelfreiheit keine fixen Eigenschaften sind, sondern durch regelmäßiges Training und gezielte Exposition verbessert werden können. Das deckt sich mit dem, was Thomas aus seiner Kurserfahrung berichtete: Viele Teilnehmer, die beim ersten Kurstag noch zitterten, gingen am zweiten Tag deutlich sicherer.

Der Klettersteigführerschein ist kein Freifahrtschein für schwere Routen. Er ist der Startpunkt. Wer danach alleine oder mit Freunden in schwierigeres Gelände geht, ohne weitere Erfahrung gesammelt zu haben, setzt sich unnötig einem Risiko aus. Die meisten Kursleiter empfehlen, nach dem Führerschein zunächst 8 bis 10 leichte Routen eigenständig zu begehen, bevor man sich an C oder höher wagt.

Was vom Wochenende bleibt

Zwei Tage in Ramsau, rund 400 zurückgelegte Höhenmeter in Übungsrouten und eine Menge konkrete Rückmeldung zu Fehlern, die ich ohne Kurs nie bemerkt hätte. Das Preis-Leistungs-Verhältnis eines solchen Kurses, in der Regel zwischen 120 und 180 Euro für ein Wochenende inklusive Material, ist gemessen am Sicherheitsgewinn kaum zu übertreffen.

Wer Klettersteige nur aus dem Urlaub kennt und bisher ohne Kurs unterwegs war, sollte diesen Schritt ernsthaft in Betracht ziehen. Nicht weil der Berg bestraft, sondern weil ein einziger schlechter Moment mit dem falschen Karabiner zu viel ist, um ihn dem Zufall zu überlassen.

Autorin: Petra Hoffmann

Lukas Berg

Redakteur/in

Lukas Berg ist Immobilienexperte und Wirtschaftsjournalist mit Schwerpunkt Rhein-Main-Region. Nach Jahren als Analyst bei einem Frankfurter Immobilienunternehmen schreibt er heute über Marktentwicklungen, Stadtplanung und die Zukunft des Wohnens in der Finanzmetropole.

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